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Dez 12

Angreifer rief „Allahu Akbar“ – Polizei fahndet nach Chérif Chekatt

Wieder ist Frankreich Ziel eines Anschlags, in Straßburg erschoss ein Mann mehrere Menschen. Einen Tag nach der Tat fahnden französische und deutsche Ermittler nach dem 29-jährigen Chérif Chekatt. Ein Überblick über die wichtigsten Fakten.

Frankreich ist vom nächsten Gewaltakt erschüttert worden. Ein Mann eröffnete am Dienstagabend das Feuer auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg und tötete mehrere Menschen. Danach konnte er fliehen. Den französischen Behörden war er bereits als Gefährder bekannt. Ein Überblick über die Faktenlage:

Was ist passiert?

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft eröffnete der mutmaßliche Täter Chérif Chekatt gegen 20 Uhr das Feuer auf dem Weihnachtsmarkt in der Straßburger Innenstadt mit einer automatischen Waffe, nahe des Straßburger Münters. Er sei dann durch die Fußgängerzone gelaufen und habe Menschen beschossen und mit einem Messer angegriffen. Nach Angaben von Zeugen rief er „Allahu Akbar“ (Gott ist groß), wie die Staatsanwaltschaft erklärte. Die Sicherheitsbehörden gehen deshalb von einem terroristischen Anschlag aus, wie der Staatsanwalt von Paris, Rémi Heitz, in Straßburg sagte. Anschließend habe der Tatverdächtige auch mit dem Messer angegriffen, vier Soldaten schritten ein und verletzten ihn am Arm. Heitz schloss nicht aus, dass es ein Unterstützernetzwerk geben könnte.

Anschließend sei Chekatt in ein Taxi gestiegen und habe sich in das Wohnviertel Neudorf fahren lassen. Eine konkrete Adresse habe er nicht genannt. Der Taxifahrer, den die Polizei anschließend vernahm, bestätigte, dass der Tatverdächtige eine Waffe bei sich trug und verletzt war. Chekatt habe selbst behauptet, er hätte gerade zehn Menschen getötet.

Laut rbb wurde Chekatt unmittelbar vor der Tat aus Deutschland angerufen. Das erfuhr das rbb Inforadio aus Sicherheitskreisen. Er ging jedoch nicht ans Telefon. Unklar sei, wer ihn angerufen hat und warum. Dieser Frage gehen deutsche Ermittler nun intensiv nach.

Wie viele Opfer gibt es?

Nach offiziellen Angaben gibt es zwei Tote und einen Hirntoten. 12 Menschen wurden verletzt, sechs von ihnen schwer. Das sagte Heitz in Straßburg. Bei einem der Toten handelt es sich um einen 45-jährigen Touristen aus Thailand. Das Außenministerium in Rom bestätigte, dass ein italienischer Journalist, der über das Europaparlement berichtet, unter den Opfern ist. Berichte, dass dieser sich ein einem kritischen Zustand befindet, wollte man jedoch nicht kommentieren. Nach ersten offiziellen Angaben sind keine Deutschen unter den Opfern. Das teilte das Krisenreaktionszentrum der Bundesregierung auf Twitter mit. Die Präfektur Bas-Rhin hatte mehrfach die Angaben zu den Opfern korrigiert.

Wer ist der Täter?

Die Polizei gab am Mittwochabend einen offiziellen Fahndungsaufruf nach Chérif Chekatt mit einem Foto heraus, in dem sie die Bevölkerung um Mithilfe bei der Suche nach dem 29-Jährigen bat. Auch deutsche Ermittler fahnden unter Hochdruck nach dem mutmaßlichen Islamisten, der in Deutschland bereits im Gefängnis saß.

Der Gesuchte sei „gefährlich“, warnte die französische Polizei im Kurzbotschaftendienst Twitter. „Greifen Sie auf keinen Fall selber ein.“ Chekatt ist demnach 1,80 Meter groß und hat eine „normale Statur“. Wer Informationen über seinen Aufenthaltsort hat, soll sofort die Polizei verständigen.

Dem Innenminister zufolge hat der in Straßburg geborene Cherif Chekatt nordafrikanische Wurzeln. Er wurde in der Vergangenheit sowohl in Frankreich als auch in Deutschland und der Schweiz wegen Einbrüchen verurteilt. Seine Strafen habe der 29-Jährige abgesessen. Zuletzt wurde der französische Staatsbürger 2016 vom Amtsgericht Singen wegen schweren Diebstahls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und war in Deutschland in Haft. Im Anschluss wurde er 2017 nach Frankreich abgeschoben.

Er sei zusammen mit sechs Geschwistern in Straßburg aufgewachsen, habe einen mit dem Hauptschulabschluss vergleichbaren Abschluss, aber keine Ausbildung gemacht. Nach der Schule habe er bei der Gemeinde gearbeitet, seit 2011 sei er arbeitslos gewesen und nach eigener Aussage viel gereist. Schon vor seiner Verurteilung in Singen habe er insgesamt vier Jahre in Gefängnissen in Frankreich und der Schweiz verbracht, heißt es im Urteil, das WELT vorliegt – in allen Fällen ging es um Einbrüche. Im Gefängnis habe Chekatt sich radikalisiert.

Über den Verdächtigen wurde ein sogenanntes „Fiche S“ geführt. In dieser Kategorie werden rund 26.000 Personen geführt, von denen 10.000 als stark radikalisiert gelten, etwa durch salafistische Moscheen. Er hätte nach Angaben aus informierten Kreisen am Dienstagmorgen wegen anderer Vorwürfe festgenommen werden sollen, wurde aber nicht in seiner Wohnung angetroffen. Vor Ort fanden die Beamten Granaten und zwei Jagdmesser. Details wollten die Behörden aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen.

 

France Shooting

 

Die französische Polizei veröffentlichte ein Fahndungsfoto des Verdächtigen Cherif Chekatt

Quelle: AP

Was ist sein Motiv?

Wegen des angeblichen „Allahu Akbar“-Rufes, angesichts des Zielorts, der Vorgehensweise des Attentäters und der Zeugenaussagen habe die Antiterrorabteilung der Pariser Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen, sagte Chefermittler Heitz. Trotzdem will sich das französische Innenministerium nicht auf ein terroristisches Motiv des Täters festlegen. Eine terroristischer Hintergrund sei im Moment noch nicht sicher, sagte der Staatssekretär im Innenministerium, Laurent Nuñez. Der mutmaßliche Täter sei zwar polizeibekannt gewesen, allerdings bisher nicht im Zusammenhang mit Terrorismus. Er sei mehrfach im Gefängnis gewesen und hätte sich dort radikalisiert. Es könnte sich aber auch um einen Racheakt handeln. „Was gestern passiert ist, war unbestreitbar ein Terroranschlag“, sagte hingegen Straßburgs Bürgermeister Roland Ries.

Wie reagiert Frankreich?

Die Behörden fahnden mit über 350 Ermittlern und Hubschraubern nach dem Täter. Im ganzen Land wurde die Terrorwarnstufe auf das höchste Niveau „urgence attentat“ angehoben. Das bedeutet verstärkte Kontrollen an den Grenzen und auf Weihnachtsmärkten, um Nachahmungstaten zu verhindern. Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft leitete am Dienstagabend Ermittlungen wegen des Verdachts auf „Mord und Mordversuch im Zusammenhang mit einer terroristischen Unternehmung“ und wegen „Bildung einer kriminellen terroristischen Vereinigung“ ein.

Was bedeutet das für Deutschland?

Dass der Tatverdächtige nach Deutschland geflohen sein könnte, hält Bürgermeister Roland Ries zwar für unwahrscheinlich, aber nicht für unmöglich. „Die Grenze ist im Prinzip geschlossen“, sagte Ries im Radiosender Europe 1. Es sei aber alles möglich, falls der Tatverdächtige ein Auto habe. Immerhin liegt Chekatts letzter bekannter Aufenthaltsort in der Nähe der Europabrücke, die Frankreich und Deutschland verbindet.

Die Bundespolizei kontrollierte in der Nacht und am Mittwochmorgen mehrere Grenzübergänge. Beamte waren in Kehl, Iffezheim, Breisach und Rheinau im Einsatz. Pendler von Deutschland nach Frankreich müssten sich auf Wartezeiten bis zu 90 Minuten einstellen, hieß es weiter. Die Bundespolizei bat alle, die „nicht unbedingt heute nach Frankreich müssen“, in Deutschland zu bleiben.

Zudem fahndet die Bundespolizei auch nach dem 34-jährigen Bruder des Tatverdächtigen, wie eine Sprecherin der Bundespolizeidirektion Koblenz bestätigte. Seit dem frühen Morgen werde im Saarland und in Rheinland-Pfalz im 30-Kilometer-Bereich an der Grenze zu Frankreich verstärkt kontrolliert.

Nicht nur der Straßenverkehr, sondern auch der öffentliche Nahverkehr im Grenzbereich werde überprüft. Dazu zählt auch die grenzüberschreitende Tram D. Diese war in der Nacht bereits komplett gesperrt worden, inzwischen fährt sie aber wieder. Laut Polizei wird auch die Fußgänger- und Radfahrerbrücke Passerelle des Deux Rives zwischen Kehl und Straßburg kontrolliert.

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Quelle: Infografik WELT/Michael Kunter

Das Auswärtige Amt verschärfte seine Reisehinweise für Frankreich. Reisende würden gebeten, „besonders vorsichtig zu sein und den Anweisungen von Sicherheitskräften unbedingt Folge zu leisten“, erklärte das Auswärtige Amt.

Während Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern sowie die Stadt Frankfurt darauf verzichteten, kündigte Rheinland-Pfalz an, seine Polizeipräsenz auf Weihnachtsmärkten zu verstärken. Die Berliner Polizei ist nach den Worten von Innensenator Andreas Geisel (SPD) auf Anschlagsszenarien wie in Straßburg vorbereitet. Was dort geschehen sei, zeige, „dass die Terrorgefahr unverändert hoch ist.“ Das gelte auch für Berlin. „Die Polizei ist entsprechend vorbereitet und schützt sichtbar und mit verdeckten Mitteln die Weihnachtsmärkte in unserer Stadt.“ Sie sei auf unterschiedliche Anschlagsszenarien eingestellt – nicht nur auf Angriffe mit Lastern

Auch die bayerische Polizei fahndet intensiv nach dem Täter. „Damit unterstützen wir die französischen Kollegen bei der Täterfahndung. Beispielsweise haben wir unsere Schleierfahndungskontrollen verstärkt, vor allem in Richtung Baden-Württemberg“, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. Auch im grenznahen Raum kontrolliere insbesondere die Bayerische Grenzpolizei intensiv den Fahrzeugverkehr nach verdächtigen Personen.

In einem Kondolenztelegramm an Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwoch „tief erschüttert“ von dem Angriff auf den Straßburger Weihnachtsmarkt gezeigt. „Wir trauern um die Menschen, die so jäh aus dem Leben gerissen wurden, und sind mit unseren Gedanken bei den Verletzten und den Angehörigen der Opfer“, schrieb Merkel am Mittwoch.

„Im Namen der Bundesregierung spreche ich dem französischen Volk unser tief empfundenes Mitgefühl aus“, erklärte Merkel weiter. „In diesen schweren Stunden steht Deutschland fest an der Seite Frankreichs.“

Warum Straßburg?

Der Straßburger Weihnachtsmarkt ist einer der größten und bekanntesten in Europa. Er zieht jährlich viele Besucher in die elsässische Stadt. Bereits im Jahr 2000 sollte er Ziel eines Attentats sein: Damals wurde ein geplanter Sprengstoffanschlag einer algerischen Gruppe rechtzeitig verhindert. Nach dem Anschlag bleibt der Weihnachtsmarkt am Mittwoch geschlossen, ebenso wie die kulturellen Einrichtungen in Straßburg.

Am Donnerstag sollte der Weihnachtsmarkt wieder geöffnet werden, kündigte der Bürgermeister an. Straßburg werde sich nicht einschüchtern lassen.

Quelle: welt

 

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