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Apr 28

„Armes Deutschland“: Neunjährige muss Geburtstag mit einer Tüte Chips feiern

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Eine Neunjährige, die vom Schwimmbadbesuch träumt, und ein Knasti, der sich den Namen seiner Ex in den Arm stechen lässt. RTL II macht aus dem Thema Hartz 4 ein bitteres Kuriositätenkabinett.

Isabel-Chantal hat einen Wunsch. Die Neunjährige aus Bremen würde gerne in Urlaub fahren. Sie war noch nie fort. Die Eltern und ihre drei Geschwister leben von Hartz 4 und dem Job von Vater Thomas. Er ist Krankentransportfahrer auf 450-Euro-Basis. „Ich würde gerne mal Schlittschuhlaufen oder Schwimmengehen“, sagt das Mädchen, deren Kinderzimmer drei Quadratmeter groß ist. Es hat gerade Platz für ein Bett. Wer kein Geld hat, für den werden Eishalle und Schwimmbad zu Sehnsuchtsorten, wie für andere Venedig oder Mauritius oder Hawaii.

Kein Geld für eine Party

Sechs Millionen Menschen leben in Deutschland von Hartz 4 – und RTL hält emotionslos drauf. Täglich kämpfen Isabels Eltern, Yvonne und Thomas, mit finanziellen Problemen. Die Familie lebt von 1682 Euro. Manchmal findet Tochter Isabel-Chantal Pfandflaschen auf ihrem Schulweg, tauscht sie um und bringt die paar Münzen heim. Der Vater sagt: „Es ist schwer, den Kinder nicht das zu geben, was sie haben wollen. Aber manchmal vergessen sie auch ihre Wünsche.“ Die Kinder werden in der Schule ständig wegen ihrer schlechten Kleidung gehänselt. Auch steht der Geburtstag von Isabel-Chantal an. Für eine Party ist aber kein Geld da. Stattdessen kauft die Familien zwei Flaschen Limonade und eine Tüte Chips und feiert unter sich.

Vorbild für die Kinder

Isabel-Chantal war noch nie in einem Spielzeugladen und hat sich dort etwas gekauft. Besuch hat sie auch nie. Der Vater meint: „Ich will nicht zeigen, wie wir hier leben. Die sagen dann, das sieht da ja armselig aus.“ Vater Thomas hat sich irgendwie seinen Stolz bewahrt, kämpft für seine Würde und die seiner Familie. Er fügt an: „Hartz-4-Empfänger, die nur die Hand aufhalten und nichts tun, sind für mich Abschaum.“ Nun will Thomas seine Stundenzahl bei seinem Arbeitgeber erhöhen. Er will so schnell wie möglich vom Amt loskommen. „Ich muss für die Kinder ein Vorbild sein.“

Schulden vom Schwarzfahren

Anders macht es Jeanett. Die 19-Jährige bekommt 400 Euro Hartz 4 und weigert sich, sich überhaupt nur zu bewerben, weil es für das Arbeiten eben nicht mehr Geld gibt als sie fürs Nichtstun vom Amt erhält. Sie hat 1000 Euro Schulden vom Schwarzfahren und vermöbelt gerne mal Typen. Wer nicht hören will, muss fühlen, lautet das Motto des Mädchens aus Ludwigsburg oder auch: „Mir ist egal, wie viele Schulden ich habe. Ich kann sie sowieso nicht zahlen.“ Die meisten in ihrer Clique haben auch keinen Job. Man schnorrt sich durch. „Wer nichts hat, der nimmt. Wer was hat, der gibt“, erklärt sie.

8,5 Jahre Knast

Auch Horst ist arbeitslos und lebt von Hartz IV. Auch der 50-Jährige aus Kleve will nicht arbeiten. Wegen schwerer Körperverletzung wurde er zu 100 Sozialstunden verurteilt. Es war eine Kneipenschlägerei. „Dabei hatte der nur eine kleine Platzwunde am Kinn. Das war alles. Er ist dann auf den Hinterkopf gefallen und lag drei Wochen in Koma.“ Da er zu den Sozialstunden nicht erschienen ist, sitzt er nun eine Haftstrafe ab. Sechs Monate. Insgesamt kommt er nun auf 8,5 Jahre Haft, sagt er. Ab und zu hat er Ausgang, um sein Leben außerhalb der Mauern in den Griff zu bekommen.

Pennen beim Knastkumpel

Da sich Freundin Biggi vor der Haft von Horst getrennt hatte, kann er dort nach seiner Freilassung nicht mehr wohnen. „Ich muss an meiner Aggressivität arbeiten“, erklärt er das Beziehungsende. „Da werde ich ziemlich laut.“ Danach traf er Astrid und wollte sie bereits nach zwei Wochen heiraten. Aber dann war da auch wieder Schluss. Jetzt bleibt ihm nur das Schlafangebot von Knastkumpel Pit. Das Problem: Horst traut Pit nicht. „Ich habe zu viele Wertsachen. Das ist ein Junkie. Da liegen meine Sachen in der Wohnung und ich komme nicht ran.“

„Astrid forever“

Pit, 53, wohnt in einer ehemaligen und zugemüllten Dartkneipe. Das Klo ist verstopft. „Kannst dich fühlen wie zuhause“, sagt er zu Horst. Horst nimmt das Angebot an. Aus Mangel an Alternativen. Das Chaos in Horsts Leben ist groß – und es spiegelt sich auf seiner Haut. In einen Tattoo-Shop erklärt er dem Besitzer: „Ich will mir einige Namen wegmachen lassen.“ In Horsts Fleisch ist der von „Kerstin“ eingeritzt. Ein gemeinsames halbes Jahr, 1988. „In Liebe, Sabine“, steht auch da. 10 Jahre seien das gewesen. Biggi, sechs Monate. Alle Namen sollen nun weg. Das neue Tattoo lautet „Astrid forever“. Bitte, was? Der Name der Ex als neues Tattoo? Macht auch nicht jeder.

Quelle: Focus

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