«

»

Mrz 30

Halbes rumänisches Zigeuner- Dorf zieht nach Hagen: So hilft die Stadt bei der Integration

Alles begann 2014, erzählt Margarita Kaufmann, die Sozialdezernentin der Stadt Hagen. Damals wurde die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit nach Staaten wie Polen, Lettland und Tschechien auch auf Rumänien und Bulgarien ausgeweitet. Seitdem strömen Rumänen in die nordrhein-westfälische Stadt mit ihren 190.000 Einwohnern.

Etwa 4500 leben derzeit in Hagen, sagt Kaufmann im Gespräch mit FOCUS Online. Hier seien die Mieten niedrig, es gebe viel Wohnraum. Daher seien nach und nach immer mehr Menschen hierhergekommen. „Darunter sind auch tausende Roma“, erzählt die Sozialdezernentin.

Die Hälfte der Einwohner des rumänischen Dorfes Toflea lebe nun in Hagen. Doch während die Integration der syrischen Flüchtlinge, die 2015 und 2016 nach Deutschland kamen und hier leben, gut gelinge, gebe es bei den Roma Probleme. „Wir stehen vor massiven Herausforderungen“, sagt Kaufmann.

Integration der Roma schwierig

Das liege an mehreren Hürden. Zum einen fehle einem Teil der Roma schlicht der Wille zur Integration, erklärt Kaufmann. „Sie bleiben unter sich und suchen kaum Kontakt zu den Einheimischen.“ Daraus folgt eine Ballung in bestimmten Stadtgebieten. Und daraus wiederum ergeben sich Probleme, etwa durch Lärmbelästigungen oder Müllberge in den Hinterhöfen. Die Roma seien es aus Rumänien nicht gewohnt, ihren Müll in Tonnen zu entsorgen oder ab einer bestimmten Uhrzeit leiser zu sein. „Das stört die Anwohner natürlich“, erklärt die Sozialdezernentin.

Die Integration sei auch problematisch, weil „der Großteil nicht einmal eine grundlegende schulische Bildung hat“, erklärt Kaufmann. Die Menschen haben es somit schwer, eine Arbeit zu finden, und sind zu großen Teilen auf Sozialleistungen angewiesen – und das belastet die Kassen. Zwar würden sich viele Roma ein neues Leben aufbauen wollen, doch eine Arbeit zu finden sei oftmals sehr schwierig. Außerdem gebe es massive Sprachbarrieren: „Viele Roma sprechen kaum Rumänisch, geschweige denn Deutsch oder Englisch. Und wir haben hier niemanden, der Romanes, die Sprache der Roma, spricht“, so Kaufmann. Das erschwere die Integration und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zusätzlich.

Lösungsansätze trotz wenig Geld

Wie also geht Hagen mit dieser Herausforderung um? „Da wir hier jeden Euro umdrehen müssen, ist das nicht einfach“, sagt Kaufmann. Natürlich gebe es Sozialarbeiter, die sich der Probleme der Menschen annehmen. Doch es gebe zu wenige, für weitere fehle das Geld. Also sind „kreative Lösungen“ gefragt: Etwa gemeinsame Putz- und Reinigungsaktionen, bei denen sich Deutsche und Roma näherkommen. Einmal im Jahr würde auch ein Festival veranstaltet, auf dem die Roma ihre Kultur vorstellen und traditionelle Speisen zubereiten. „Diese Menschen freuen sich, dass sich jemand für sie interessiert und sie teilhaben lässt“, ist Kaufmann überzeugt.

Ganz wichtig sei daher persönlicher Kontakt mit den Menschen. Nur so würden sie ihre Scheu verlieren. Diese zeige sich etwa auch beim Weg zur Schule: „Es war ein riesiges Problem für die Eltern, als die Kinder ohne sie mit einem Bus in den Unterricht gebracht werden sollten. Sie hatten Angst, dass wir ihnen ihre Kinder wegnehmen“, erzählt Kaufmann. Das sei im Rumänien unter Diktator Ceausescu durchaus vorgekommen. Erst, als die Eltern mitfahren durften und sich davon überzeugen konnten, dass alles in Ordnung war, habe sich die Situation entspannt.

Dieses Misstrauen ist zu großen Teilen auf Diskriminierungen und Rassismus zurückzuführen, die die Roma früher und auch heute noch erfahren. Die „Zigeuner“, wie die Roma abwertend genannt wurden, werden vielerorts an den Rand der Gesellschaft gedrängt und separiert. Angehörige der Minderheit fristen oftmals ein Leben in Armut und Elend.

Mitfühlende und wertschätzende Kommunikation wichtig

Um das zu ändern, sei viel Flexibilität und Bereitschaft notwendig, sich auf die Menschen einzulassen, sagt die Sozialdezernentin. So habe man etwa festgestellt, dass Bußgelder, etwa weil Familien ihre Kinder nicht in die Schule schicken, keine Wirkung haben. „Wir müssen stattdessen jemanden hinschicken, der den Eltern die Schulpflicht und überhaupt die Vorteile von Schule und Bildung erklärt. Viele Roma haben nie eine Schule von innen gesehen, da fehlt einfach das Bewusstsein.“ Mitfühlende und wertschätzende Kommunikation sei wichtig, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und sie von den Vorteilen der Schule zu überzeugen.

Jürgen Schäfer, evangelischer Pfarrer im Hagener Stadtteil Haspe, sieht die Stadt auf einem guten Weg. „Es hat sich schon viel getan, es geht voran.“ Maßnahmen wie Müllsammeln oder städtische Besuche bei Migranten-Familien wirken, sagt er im Gespräch mit FOCUS Online. Trotzdem seien noch nicht alle Probleme gelöst. „Es gibt noch einiges zu tun“, sagt Schäfer. Doch generell habe sich die Lage entspannt.

Doch das alles kostet Zeit und vor allem Geld. Und letzteres hat Hagen nicht im Überfluss. Die schwer vom Strukturwandel gebeutelte Stadt ist laut Kaufmann „an der finanziellen Belastungsgrenze“. Daher wünscht sie sich Unterstützung von Bund und Land. „Wir machen das Beste aus den vorhandenen Mitteln, doch mit mehr Mitteln würde natürlich alles schneller gehen.“ Dann könnte sich die Stadt mehr Sozialarbeiter leisten und mehr Projekte finanzieren. Doch trotz eingeschränkter Mittel sieht Kaufmann klare Fortschritte. „Zwar haben wir noch einen weiten Weg vor uns, aber wir sind nicht hilflos!“

Schreibe einen Kommentar

Close
Inline
Inline