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Apr 11

Schiitisches Ritual in der Bonner Wenzelgasse: Selbstgeißelung im Gedenken an getöteten Imam

Hunderte Schiiten zogen am Sonntag durch die Wenzelgasse und trauerten um den von ihnen verehrten Imam Ali. Dabei schlugen sie sich auf die Brust und sangen Lieder.

Bonn. Sonntagnachmittag, Wenzelgasse: Hunderte Männer mit nackten Oberkörper stehen in einer großen Gruppe vor den Geschäften. Sie haben ihre Augen geschlossen, singen laut im Chor und schlagen sich zum Takt der Musik mit der flachen Hand heftig auf die Brust.

Einigen von ihnen treibt der Schmerz, den sie sich selbst zufügen, Tränen in die Augen. Schnell sind die Brustkörbe der Männer rot und angeschwollen. Über ihren Köpfen tragen sie einen leeren, reich verzierten Sarg.

Passanten beobachteten die Szene mit Verwunderung, teils mit Befremden. Eine von ihnen war die Bonner Studentin Laura Bessendorf. „Was tun die da?“, fragte sie. „Die Männer sind schiitische Muslime, die des Imams Ali gedenken“, erklärte Samina Haider von der „Schiitischen Gemeinde Deutschlands“ und Sprecherin der Prozession.

Hunderte Teilnehmer aus ganz Europa

In Imam Ali sehen die Schiiten den eigentlichen rechtmäßigen Nachfolger des Propheten Mohammed. „Ali wurde vor circa 1400 Jahren beim Morgengebet des 19. Ramadan in der Moschee mit einem Schwert ermordet“, so Haider.

Dem getöteten Imam zu Ehren finde deshalb jedes Jahr nach dem Fastenmonat eine solche Prozession statt, bei dem die Männer zuerst Vorträge anhörten, sich dann selbst mit Schlägen geißelten und im Anschluss weiße Tauben fliegen ließen. Dann würden sie gemeinsam essen. Laut Haider sollen in diesem Jahr fast 500 Teilnehmer aus ganz Europa nach Bonn gekommen sein. „Die Gläubigen sind aus Italien, Spanien, England oder Griechenland und zumeist pakistanischer Herkunft“, sagte Haider.

Es fiel auf, dass die Rücken vieler Männer mit Narben übersäht waren. „Das sind die Male einer anderen Form der Selbstgeißelung“, sagte ein Teilnehmer. „Dabei schlagen sich Gläubige mit einem kleinen Messer an einer Schnur auf den Rücken.“

Laura Bessendorf beobachtete das religiöse Spektakel lange: „Ich finde es sehr interessant. Dass die Schiiten das in der Öffentlichkeit tun dürfen, ist für mich vollkommen in Ordnung und ein Zeichen der Toleranz in Bonn – solange die Veranstaltung friedlich bleibt.“ Es gab auch einige wenige kritische Stimmen, die angesichts der Prozession ihr Unbehagen ausdrückten. Mehrere Wagen der Einsatzhundertschaft und Streifenbeamte der Bonner Polizei waren vor Ort.

Quelle: GA

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