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Jun 28

Mehr Rettungsschiffe sind keine Löung – Streit um „Seawatch“

Gerettete Flüchtlinge auf einem Beiboot der Seawatch (dpa / picture alliance / ROPI / Till Egen / Seawatch)

Noch immer wartet die Seawatch mit 42 Flüchtlingen an Bord auf eine Anlande-Erlaubnis. Doch die Debatte dürfe nicht auf das deutsche Rettungsschiff und die umstrittene italienische Migrationspolitik verengt werden, kommentiert Jörg Seisselberg. Notwendig sei die Schaffung von humanitären Korridoren.

Wir diskutieren über die Sea-Watch und verlieren dabei die wirklichen Probleme aus den Augen. Bestes Beispiel ist die Ankündigung Heinrich Bedford-Strohms, Geld für ein neues Rettungsschiff auf dem Mittelmeer zu sammeln. Das reicht nicht. Denn, wo der Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche in Deutschland ansetzt, gibt es meist nichts mehr zu retten. Das soll die Arbeit der Nicht-Regierungsorganisationen auf dem Mittelmeer nicht klein reden – und schon gar nicht kriminalisieren. Kriminell sind nicht die Helfer, sondern diejenigen, die wegschauen oder versuchen, aus dem Thema skrupellos politisch Kapital zu schlagen. Wer hier an Italiens Innenministers Salvini denkt, liegt richtig. Mit welcher Aggressivität der Führer der rechten Lega bei diesem Thema unterwegs ist, macht fassungslos.

Mehr Rettungsschiffe zu fordern, ist aber zu kurz gesprungen. Denn auf dem Mittelmeer ist es meist zu spät. Es können 10 oder 100 Rettungsschiffe unterwegs sein. Es werden immer Menschen ertrinken. Es bleibt ein unmenschliches Glücksspiel, wer aus dem Wasser gezogen werden kann und wer ertrinken muss. Wer Menschenleben retten will, muss vorher aktiv werden. Die Politik in jedem Fall. Die Rufe nach einer endlich effektiven europäischen Migrationspolitik sind so laut wie bislang ergebnislos. Aber auch die Nicht-Regierungsorganisationen und die an ihrer Seite stehenden Kirchen machen einen Fehler, wenn sie sich jetzt eine Diskussion über neue Rettungsboote in den Vordergrund schieben.

Holt die Leidenden aus den Lagern in Libyen!

Ein Ertrinken verhindert nur, wer dazu beiträgt, dass so wenig Menschen wie möglich sich auf den nach Libyen auf den Weg machen. Staatliche Organisationen sind da wenig glaubwürdig. Menschenleben retten beispielsweise Organisation wie SOS Clandestine in der Elfenbeinküste. Hier erzählen Betroffene von der Wahrheit auf den Flüchtlingsrouten, halten davon ab, sich auf den Weg zu machen. Das ist als Arbeit einer Nicht-Regierungsorganisation öffentlich wenig spektakulär, aber rettet unzählige Menschen vor dem Ertrinken.Flüchtlinge vor Krieg und Hunger werden sich trotzdem bis Tripolis durchkämpfen. Sie harren unter häufig unmenschlichen Bedingungen auf eine Überfahrt. Aber auch für sie ist eine mögliche Rettung erst auf dem Meer ein Glücksspiel.

Die Lösung hier lautet: Humanitäre Korridore. Holt die Leidenden aus den Lagern in Libyen, zumindest diejenigen, die Hilfe am Nötigsten haben, und bringt sie nach Europa in Sicherheit! Ein Konzept in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen gibt es seit einem Jahr. Das nutzt bislang nach Angaben des UNHCR nur ein Land in Europa: Und zwar, Überraschung: Italien. Von der sozialdemokratischen Vorgängerregierung angeschoben, wird dieser humanitäre Korridor auch von Salvini weiterbetrieben. Knapp 800 Menschen konnten so sicher aus Libyen im Flugzeug nach Italien kommen, in enger Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche. Die Kirchen auch in Deutschland können Menschenleben retten, wenn sie ihren Druck auf die politisch Verantwortlichen in Berlin und den Ländern verstärken, um über diese humanitären Korridore Flüchtlinge aus den Lagern in Libyen direkt nach Deutschland zu holen.Das ist menschlich, allein mehr Rettungsschiffe sind keine Lösung.

Quelle: dlf

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